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17. August 2026

Warum am Sehnenapparat die Diagnose vor dem Mittel kommt

Schlecht durchblutetes Gewebe ist eine therapeutische Herausforderung — und ein guter Anlass, die Reihenfolge umzudrehen: erst den Zustand beschreiben, dann das Verfahren wählen.

Von Tobias Eisenkolb & Florian Schöning

Kupferstich-Illustration: Schulter mit Sehnen und Muskelfasern auf dunkelblauem Grund

Sehnengewebe gilt als schlecht versorgt. Das ist der Grund, warum Verletzungen dort zäh verlaufen und warum sie so verlässlich chronifizieren. Es ist zugleich der Ausgangspunkt für eine naheliegende Überlegung: Wenn die Versorgung das Problem ist, warum bringt man die Regenerationssignale nicht direkt dorthin?

Genau darauf zielen Verfahren mit thrombozytenreichem Eigenplasma (PRP): Aus abgenommenem Eigenblut wird durch Zentrifugation die thrombozytenreiche Fraktion gewonnen und in das betroffene Areal eingebracht — je nach Lokalisation entlang der Struktur, in den Gelenkspalt oder paravertebral. Im orthopädischen Umfeld ist das Verfahren inzwischen bekannt, wenn auch nicht überall verbreitet.

Was wird nach einer Sehnenverletzung häufig übersehen?

Kurz: Nach einer Verletzung mit ausgeprägter Einblutung ist oft nicht die Bandverletzung das eigentliche Folgeproblem, sondern die Immobilität. Wer nur die verletzte Struktur behandelt, arbeitet an der eigentlichen Entwicklung vorbei.

Nach einer Sprunggelenksverletzung mit ausgeprägter Einblutung ist die Bandverletzung oft gar nicht das eigentliche Folgeproblem. Was bleibt, ist die Immobilität — die kleinen Gelenke im Fuß verkleben, und was sich über die nächsten Wochen ausbildet, ist ein Bewegungsdefizit, das mit der ursprünglichen Verletzung nur noch mittelbar zu tun hat.

Es lohnt sich, die Folgeschäden mitzudenken, bevor sie entstanden sind. Dasselbe Muster — nach einem Ereignis unterhält oft nicht die Struktur, sondern die Schonhaltung das Problem — zeigt sich auch an der Frozen Shoulder.

Welche Verfahren lassen sich sinnvoll kombinieren?

Der interessantere Punkt liegt nicht bei einem einzelnen Verfahren, sondern in der Verbindung: regenerative Ansätze, strukturell wirkende Ansätze und manuelle Arbeit an der umgebenden Muskulatur schließen einander nicht aus. Wechselnde Anwendungen über einen Behandlungszeitraum kombinieren zwei verschiedene Ideen — Regeneration auf der einen, Reorganisation des veränderten Gewebes auf der anderen Seite.

Das setzt allerdings voraus, dass man weiß, welche der beiden gerade gefragt ist. Und damit sind wir beim eigentlichen Thema.

Warum kommt der Zustand vor der Methode?

Nehmt euch die Zeit zu diagnostizieren und ein Gefühl für den tatsächlichen Zustand des Problems zu bekommen.

Die Merkmale, um die es dabei geht, sind unspektakulär und werden genau deshalb übergangen. Ist das Gewebe heiß oder kalt? Trocken oder feucht? Gespannt? Eingeblutet? Handelt es sich um ein akutes Geschehen oder um ein chronisch verhocktes, das seit Monaten still vor sich hin köchelt?

Je genauer diese Beschreibung ausfällt, desto enger wird die Auswahl dessen, was überhaupt in Frage kommt. Umgekehrt gilt: Wer den Zustand nicht beschreiben kann, wählt das Verfahren nach Gewohnheit statt nach Befund — und wundert sich über uneinheitliche Ergebnisse.

Auch das ist ein Argument für Verfahren mit körpereigenem Material: Man umgeht eine ganze Klasse von Unverträglichkeiten und Kreuzallergien, die bei pflanzlichen Zubereitungen mitbedacht werden müssen.

Warum ein Methodenkatalog noch kein Können ist

An dieser Stelle gehört ein Widerspruch dazu, der im Gespräch selbst gefallen ist. Eine Aufzählung von Verfahren nützt niemandem, solange das Verständnis dahinter fehlt. Zu wissen, dass zwischen „heiß" und „kalt" unterschieden wird, ist etwas anderes, als interpretieren zu können, was der Unterschied bedeutet und welche Konsequenz daraus folgt.

Genau deshalb ist der Katalog nicht das Wissen. Das Wissen ist das Schema dahinter — und das lässt sich nicht in einer Folge und auch nicht in einem Beitrag vermitteln.

Häufige Fragen

Braucht jedes Sehnenproblem PRP?

Nein. PRP ist eine Option, kein Standard für jeden Fall. Ob ein regeneratives Verfahren passt, ergibt sich erst aus dem Zustand des Gewebes — nicht aus der Diagnose allein.

Woran erkenne ich den Zustand des Gewebes?

An unspektakulären Merkmalen: heiß oder kalt, trocken oder feucht, gespannt, eingeblutet, akut oder chronisch verhockt. Je genauer diese Beschreibung ausfällt, desto enger wird die sinnvolle Auswahl.

Warum nicht sofort behandeln?

Weil die Methode nach dem Befund kommt, nicht umgekehrt. Wer den Zustand nicht bestimmt hat, wählt nach Gewohnheit statt nach Befund — und wundert sich über uneinheitliche Ergebnisse.

Zum Nachhören: Folge 4 — Die Eiskunstläuferin

Über die Autoren

Tobias Eisenkolb (Heilpraktiker, seit über 15 Jahren in eigener Praxis) und Florian Schöning (Heilpraktiker & Physiotherapeut, M.Sc.) sind die Hosts des Podcasts Eisenkolb & Schöning.

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